Die Kulturblase und die Textilberge

Ein Streitgespräch zwischen Moanah Trumpl und Prof. Dr. Justus.

Trumpl: Ich war heute bei diesem Theaterstück, wo ein Freund von mir mitspielt. Und schon nach 10 Minuten wollt ich meinen Senf dazu abgeben. Sie haben da Kleidung aus Caritas-Containern auf der Bühne ausgeräumt und Schilder hochgehalten: „Ein Drittel ist Müll, ein Drittel wird exportiert, ein Drittel wird verkauft.“

Justus: Ah, eine klassische Performance der performativen Konsumdekonstruktion! Das Stück möchte doch nur die systemischen Risse der globalen Fast-Fashion-Industrie spiegeln und uns ethisch aufrütteln.

Trumpl: Weißt du, was mich berührt hat? Der emotionale Schlag ins Gesicht für alle Menschen, die in absolut gutem Glauben ihre Sachen in diese Container werfen! Die Leute spenden doch, weil sie aus dem Herzen helfen wollen oder hoffen, dass Bedürftige günstig an Kleidung kommen. Es war so viel Kinderkleidung dabei – die gehört doch genau in solche Läden!

Justus: Nun ja, soziologisch betrachtet ist der gutgläubige Spender oft Teil des Problems, weil er sein Gewissen reinwäscht… Aber gut, man muss zugeben: Organisationen wie die Caritas refinanzieren mit den Verkäufen vor Ort immerhin soziale Projekte und Notunterkünfte. Gleichzeitig deckt Greenpeace ja regelmäßig auf, wie kommerzielle Großsammler Altkleider tonnenweise exportieren und im globalen Süden riesige Müllprobleme schaffen. Die Dialektik ist kompliziert.

Trumpl: Das Stück macht es sich aber extrem einfach! Und optisch ging es dann erst richtig los: Die Darsteller haben 15 Kleiderhaufen gemacht, sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen und fingen an, ständig Zeug an- und auszuziehen. Immer wieder. Es war so unglaublich zäh! Sag mal, ist dieses Ausziehen auf der Bühne nicht mittlerweile das absolut abgegriffene Klischee?

Justus: Nun, in der Theaterwissenschaft sprechen wir hier vom Abstreifen der gesellschaftlichen Persona. Die Darstellenden machen sich nackt und verletzlich vor der Konsumgesellschaft, um…

Trumpl: Blödsinn! Das ist eine abgegriffene Regie-Floskel, sonst nichts! Und es war so gekünstelt. Die Darstellerinnen haben sich „zufällig“ aus den Müllhaufen natürlich nur die Sachen rausgesucht, die ihnen super gestanden haben. Nur ein Typ hat sich Mühe gegeben, hässlich auszusehen. Ist es für studierte Schauspieler echt so schwer, auf der Bühne mal wirklich zufällig zuzugreifen?

Justus: Du unterschätzt die unbewusste Ästhetik des Darstellers. Das Ästhetik-Dilemma der Bühne besagt, dass der Mensch unterbewusst immer nach Harmonie strebt. Ein geplanter Zufall ist eben eine Kunstform für sich…

Trumpl: Es ist die eitle Falle des Theaters! Sie wollen Müll spielen, aber greifen doch lieber zum hübschen Kleid. Und später haben sie sich die Sachen an die Beine gebunden und über die Schultern gehängt. Keine Ahnung, was das sollte. Weißt du, was mich dabei am meisten gewurmt hat? Ich halte durch meinen Verschenkladen jede Woche selbst genau solche Berge an Kleidung in den Händen! Manchmal weniger, manchmal das Doppelte. Ich kenne diese Massen aus der echten Praxis!

Justus: Aber das ist doch ein interessanter empirischer Querverweis! Wobei man akademisch differenzieren muss: In deinem kleinen Verschenkladen findet mikro-lokale Re-Zirkulation statt. Das ist löblich, aber das Theater meint doch die Makro-Ebene des globalen Kapitals!

Trumpl: Der Verschenkladen macht genau das, was diesen Stück nur anprangert! Bei uns wandert das Zeug direkt von Mensch zu Mensch – lokal, transparent und ohne dass Container nach Übersee verschifft werden. Das ganze Theater ist doch nur eine reine Komfortzone – ein gefahrloses Gewissen für das Publikum!

Justus: Das ist eine harte Unterstellung. Das Publikum setzt sich schließlich mit dem Diskurs auseinander…

Trumpl: Ach hör doch auf! Die Leute sitzen im Saal, nicken betreten, um sich selbst zu bestätigen, wie reflektiert und erhaben sie doch sind. Man kauft sich ein Ticket und klatscht, weil man auf der „richtigen Seite“ stehen will. Aber in Wahrheit kostet es sie absolut gar nichts! Kunst bleibt extrem oft bei der reinen Pose stehen. Es ist unendlich viel einfacher, eine Stunde lang dramatisch Kleidung über die Bühne zu tragen, als ein echtes Reparatur-Projekt aufzubauen!

Justus: Kunst muss doch keine praktischen Probleme lösen! Kunst soll Räume für Denkanstöße öffnen…

Trumpl: Kunst bespiegelt sich hier nur selbst! Es ist dieses Tun für die Bühne versus Tun um tatsächlich etwas zu verändern. Dann brauchst du keine Scheinwerfer, kein Publikum und kein Getue. Warum macht man im Theater stundenlang Metaphern über Textilberge, anstatt aus alten Stoffen Papierschöpfen zu zeigen oder wirklich nützliche Dinge daraus zu bauen? Mir geht’s gar nicht um Perfektion – ich trinke auch aus Dosen oder nutze Küchenrolle.

Justus: Vielleicht fehlt manchen Diskursen tatsächlich die praktische Erdung…

Trumpl: Am Ende gab es stehende Ovationen und ich bin einfach nur kopfschüttelnd rausgegangen… Ich trage eigentlich fast nur Second-Hand. Aber heute bin ich ausnahmsweise heilfroh, ausschließlich neu gekaufte Kleidung anzuhaben.